Zum Camp im Allgemeinen

Seit Anfang letzter Woche (ca. 07.03.) existiert das neue Camp in Dunkerque (Grand Synthe). Es befindet sich auf einem Gelände, zwischen Bahngleisen und der Autobahn, welches von Ärzte ohne Grenzen gekauft wurde. Auf dieses Gelände wurden die Bewohner*innen des alten Camps (ca. 2 km entfernt) umgesiedelt, da der Besitzer des ehemaligen Geländes mit dem Bau auf seinem Land beginnen wollte. Hinzu kam, dass die Bedingungen im alten Camp sehr schlecht waren (knietiefer Schlamm, keine festen Gebäude, kaum fließend Wasser, wenige Dixies).
Im neuen Camp liegt die Hauptverantwortung für die Organisation nun bei einer Gruppe junger Menschen (Utopia 56), die normalerweise Festivals organisieren. Sie arbeiten zusammen mit anderen NGOs wie zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen, Medicines du Monde, Volxküche München, Auberge de migrants, AFEji etc. und behalten den Überblick über die freiwilligen Helfer*innen und die gesamte Organisation.
Das neue Camp besteht vor allem aus kleinen Holzhütten mit einem Raum, der ca. 6m² groß ist, und denen jeweils 3 bis 4 Personen leben. Diese wurden von MSF (Ärzte ohne Grenzen) bereitgestellt und gebaut. Aktuell sind es ca. 350 solcher ‚Shelter‘. Einige Menschen wohnen noch in Zelten, diese sollen aber in den kommenden Wochen durch weitere Hütten ersetzt werden. Weil der Wohnraum sehr klein ist, bauen sich viele Bewohner*innen Anbauten aus Holz und Plastik vor die Türe, in denen sie kochen und ihre Sachen lagern können. Diese werden nun (bis zum 25.03.), auf Grund einer anstehenden Sicherheitskontrolle durch Holzbauten ersetzt.
Die meisten im Camp lebenden Menschen sind Kurd*innen aus dem Irak, Syrien und dem Iran. Die nächstgrößeren Gruppen sind Araber und Perser, die aber bereits in der Minderheit sind. Weil viele der Menschen, die im Camp leben, schon eine lange Zeit in Dunkerque sind und nicht alle aus ihren Heimatländer geflohen sind, werden die Bewohner*innen in der Regel unter dem Begriff „Migrants“ gefasst. Einige von ihnen leben schon seit über einem halben Jahr in Dunkerque. Alle im Camp lebenden Menschen sind jedoch, egal aus welchen Gründen sie hier sind, auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Dies liegt vor allem daran, dass der französische Staat sich komplett aus der Verantwortung zieht und keinerlei Infrastruktur oder finanzielle Mittel zur Verfügung stellt. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass das Camp von Seiten des Staates unerwünscht ist und versucht wird, es den engagierten Menschen und Gruppen möglichst schwer zu machen. So gibt es viele Auflagen, die von Regierungsseiten aus gestellt werden, die immer wieder Arbeit schaffen (Brandschutzauflagen, Verkehrssicherheitsauflagen etc.).
Auch wenn sich die Arbeit deshalb und aus anderen Gründen an manchen Stellen komplizierter und schwerfälliger gestaltet als sie sein müsste, herrscht im Camp meist eine positive Grundstimmung. Die meisten Grundbedürfnisse können gestillt werden (Unterkunft und Essen sind ausreichend vorhanden) und es wird viel Neues aufgebaut um die Lebensqualität zu verbessern. Dies führt dazu, dass man meist motiviert bei der Arbeit ist und am Ende des Tages von sich behaupten kann, etwas geschafft zu haben (gemeinsam mit den Bewohner*innen). So werden momentan Gemeinschaftsküchen gebaut, in denen selbst gekocht werden kann. Auch eine Schule ist im Bau und kann hoffentlich in der nächsten Woche eröffnet werden.
Dennoch werden gerade wegen der Auflagen immer mehr freiwillige Arbeitskräfte benötigt, weil die meisten hier nur für ein paar Tage bleiben und dann wieder nach Hause fahren. Insgesamt sind mittlerweile zwischen 20 und 25 Freiwillige vor Ort, an den Wochenenden sind viele davon Kurzzeitfreiwillige, die nur von Freitag bis Sonntag bleiben. So wird weiter nach Unterstützung gesucht und auch Sach- und Geldspenden sind immer willkommen um neue Räume und Möglichkeiten für die Bewohner*innen, darunter viele Familien mit kleinen Kindern, zu schaffen, die leider zum Teil eine sehr lange Zeit im Camp verbringen (werden), da nur den wenigsten die illegalisierte Weiterreise nach England gelingt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unsere Rolle hier im Camp gerade weniger die akute Notlagenbekämpfung ist, als ein Camp mit Modellcharakter zu schaffen, um aufzuzeigen, dass es möglich ist, ansatzweise menschenwürdige Bedingungen in Refugee Camps zu schaffen.